Retro-inspirierter Innenraum mit senfgelbem Stuhl, Glasbausteinfenster, beige Vorhang und schlicht gedecktem Tisch – Licht, Textur und Ruhe im Stil westdeutscher Wohnästhetik der 1980er

Material der Erinnerung – Westdeutsche Ästhetik als Ursprung meiner Wahrnehmung

Die westdeutsche Alltagsästhetik hat meine Wahrnehmung geprägt – zwischen Teppichboden, Fensterkreuz und Fernsehbild. Eine stille Prägung durch Fläche, Funktion, Licht und Material – und ein Echo, das bis heute meine Bilder formt.

Ein Raum, der nicht erklärt, sondern wirkt

Ich bin aufgewachsen mit groben Strukturen.
Resopalplatten, Sichtbeton, Filzteppiche.
Räume, die nicht schreien wollten, sondern halten.
Eine Ästhetik, die sich nicht aufdrängt – aber bleibt.

In meiner Ausbildung zum Raumausstatter habe ich gelernt, wie Stoff fällt.
Wie Licht auf Oberfläche trifft. Wie Räume wirken, bevor man sie versteht.
Es ging nicht nur um Technik. Es ging um Atmosphäre.
Um das Zusammenspiel von Funktion und Gefühl.

Gestaltung als Haltung

Die westdeutsche Gestaltung der 1980er und 90er war überall: auf Sofas, in Badfliesen, auf Fernsehbildern.

In Typografie, die analog gesetzt wurde.
In Farben, die heute kaum jemand wählen würde: Maisgelb, Graugrün, Mauve.

Aber all das hat geprägt.
Mein Blick für Raster.
Mein Vertrauen in Fläche.
Mein Bedürfnis nach Reduktion.

Künstlerische Resonanzen

In der westdeutschen Kunstgeschichte finden sich Haltungen, die mit dieser stillen Gestaltung korrespondieren:

  • Joseph Beuys erkundete mit Energie, Material und Geste die sozialen, inneren und spirituellen Räume von Kunst. Seine Werke wirken bis heute als lebendige Fragen.
    🔗 Artikel im Guardian über Beuys
  • Rosemarie Trockel, geboren in Nordrhein-Westfalen, verbindet in ihren Arbeiten textile Strukturen, Zeichnung und Konzept. Ihre Werke sind still, genau, fordernd.
    🔗 Wikipedia: Rosemarie Trockel
  • Markus Lüpertz und Sigmar Polke zeigen zwei Wege, mit Material und Idee umzugehen: expressiv, figürlich, gebrochen. Beide stehen für eine Kunst, die sich nicht festlegt – sondern widersetzt.
    🔗 Wikipedia: Markus Lüpertz
    🔗 Wikipedia: Sigmar Polke

Vom Raum zum Bild

Was ich aus dieser Zeit mitnehme, ist kein Stil.
Es ist ein Verhältnis zur Welt.
Ein Gefühl für Ordnung, das sich nicht auf Regeln stützt.
Ein Vertrauen in das Unspektakuläre.
Ein Respekt für das Material.

Wenn ich heute arbeite – in Fotografie oder Grafik – folge ich diesem Ursprung:

Nicht dem, was laut ist. Sondern dem, was bleibt.
Meine Bilder entstehen nicht aus Effekt, sondern aus Aufmerksamkeit.
Nicht aus Inszenierung, sondern aus einem inneren Raum.

So wie damals:

Ein Vorhang, der Licht filtert.
Ein Flur, der sich erinnert.
Ein Material, das spricht – auch ohne Worte.